Gutes tun

Folgt man den Statistikern und Medien, so ist die Bereitschaft, Geld und Zeit zu spenden, ungebrochen. Einige Autoren meinen sogar, die Philantropie erlebte einen kontinuierlichen Aufschwung und der Altruismus nehme zu. Gutes zu tun und Geld zu spenden, war im Bürgertum schon immer Usus. Es kaufte sich dadurch frei von der unmittelbaren Berührung mit dem Elend. Dem gegenüber haben sich weniger Begüterte durch Tat abgesetzt – in kirchlichen oder politischen Zusammenhängen. Schon vor Jahrzehnten wurde die Spendenbereitschaft, auf Effizienz getrimmt: Strategien wurden entwickelt, Kundenorientierungen definiert und PR-Kampagnen gestartet. Fundraising ist so zu einer Disziplin aller sozialen, politischen und kirchlichen Organisationen geworden. Auch die unmittelbare Tat, die Nächstenliebe, wird immer kleinteiliger zugeschnitten auf Wunsch und Wille des Ehrenamtlichen oder der Freiwilligen („volunteers“).

Aus dem Schatten dieser gesellschaftlichen Entwicklung tritt in den letzten Jahren eine Bewegung, die streng kapitalistisch effizient helfen will: durch Geld oder Tat. Die Effektiven Altruisten folgen nicht mehr ihrem Mitleidsimpuls, Selbstdarstellungswunsch oder inneren Überzeugungen, sondern sie messen und bewerten, prüfen, ordnen unter oder über.
Der Effektive Altruismus ist eine Philosophie und soziale Bewegung der frühen 2010er Jahre, die darauf abzielt, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern. Als Mittel hierzu dienen empirische Erkenntnisse und rationale Argumente. Effektive Altruisten streben danach, alle bekannten Ursachen und Maßnahmen zu berücksichtigen, um so zu handeln, dass ihr Handeln die größten positiven Auswirkungen hat. Der Altruist dieser Art prüft, ob die gespendeten zehn Euro wirksamer für Brunnenbau in Afrika oder für Straßensammler in Hannover auszugeben sind. Er lässt lieber 100 Menschen ertrinken, wenn er durch sein Engagement 1000 Menschen vor dem Hungertod retten kann. Dieser Altruist will nicht individuell helfen, sondern durch seine Form der Hilfe, sei sie auch noch so gering, beitragen, dass die Welt effizient besser wird.
Mit der alten jüdischen Weisheit, dass durch die Rettung eines Menschen, die ganze Welt gerettet wird, kann er nichts anfangen. Das ist für ihn unlogisch.
Das Konzept klingt bestechend und führt letztlich zurück auf Grundfragen: Wofür bin ich verantwortlich? Was muss ich tun? Wann mache ich mich schuldig?
Ökonomisch bewertet bzw. orientiert, sollen diese Fragen beantwortet werden. Effizienz gilt, nicht unmittelbares Mitleid. Effektive Altruisten übersehen offenbar, dass sie unter den vielen Problemen dieser Welt ihrerseits Lösungen aussuchen, die sie für zielführend halten. Sie verhalten sich ähnlich dem Passanten. Auch der trifft eine Entscheidung: Gebe ich der bettelnden Frau oder dem kirchlichen Klingelkorb?
Ist das nicht die menschliche Ergänzung des politisch Notwendigen (dorthin gehört die Effizienz): Nicht strategisch denken, sondern sich berühren lassen? Neben Geld und Tat ein Quentchen „Mehr“ zu geben – das, was seit altersher „Nächstenliebe“ heißt. Dann wird Geld und Tat durch Compassion, Barmherzigkeit, gesegnet.