Selbst erfahren

Jedes Jahrzehnt gebiert einen besonderen Focus. Die 70er den Politischen, die 80er den Esoterischen und Selbstverliebten (erinnern Sie sich an die „Popper“?), die Neunziger den Kriegerischen – die internationalen Kriege waren zurück.

Das 21. Jahrhundert eröffnete mit einem vermeintlich oder tatsächlich religiösen Focus: Attentatskulturen, rasenküssende Fußballer, Madonna. Wir sind Papst.

Bildungs- und Beratungsarbeit hat die jeweiligen Entwicklungen mit- oder nachvollzogen.

Die Nachklänge der 68er belebten die emanzipatorische Entwicklung der 70er. Ein Jahrzehnt später begann keine Volkshochschulrunde ohne die Frage „Wie fühlst du dich?“ und in den 90er Jahren entwickelte sich die Diversifizierung (andere sagen: die Beliebigkeit): das Rigoristische z.B. der Friedensbewegung wurde verdrängt durch Differenzierung.

Und: das Private trat neben das Politische. Anders als noch zwanzig Jahre zuvor wurde Persönliches nicht mehr diffamiert als unpolitische Fingerübung, sondern als zweite Seite der Lebensmedaille wert geschätzt.

In dieser Zeit entstand Biografiearbeit – feldübergreifend als eine strukturierte Form der Selbstreflexion: Die Vergangenheit wird in der Gegenwart betrachtet mit der Intention, Zukunft gelingend zu gestalten oder Gegenwärtiges erträglicher zu machen. Dabei wird die individuelle Biografie in einem gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang gestellt, weil wir  selbst- und fremd erfahren sind.

1998 erschien mein Buch „Methoden der Biografiearbeit“ bei Beltz. Seitdem sind viele Publikationen auf dem Markt und die „Methoden…“ stehen vor der sechsten Auflage. Wer mehr lesen will: Eine gut nutzbare Literaturliste findet man unter www.irmelawiemann.de

Im Moment arbeite ich am „Praxishandbuch Biografiearbeit“, das im Winter 2013/14 erscheinen wird. Neben einer umfangreichen Methodensammlung (140 mit mindestens weiteren 250 Varianten) werden Arbeitsfelder, Settings und Situationen dargestellt. Beispiele erhöhen den Wert für Praktiker und Praktikerinnen.