Tochter Emma

Dorfläden gibt es kaum noch. Die Mobilen bedienen sich in den Supermärkten der Städte, die Immobilen haben das Nachsehen. Mit dem Konsum wird dem Dorf die Kommunikation entzogen.

So war es in meinem Dorf: Acht Gaststätten, fünf Lebensmittelgeschäfte, zwei Schreibwarengeschäfte, zwei Schuhgeschäfte nebst Schuster, zwei Schreibwarenläden, drei Friseure, zwei Tankstellen, zwei Bekleidungsläden, eine Drogerie, ein Blumengeschäft, ein Hotel: alles Orte der Kommunikation und der Konsumption. Hinzu traten zwei Gemeindehäuser, zwei Kirchen, eine Schule. Das war vor 50 Jahren.

Und heute: eine blühende Landschaft ist verwelkt. Nichts mehr – nur noch eine Kirche im Teilzeitbetrieb.

Der Konsum ist dem konzentrierten Kapital gefolgt, ausgewandert in die nahe Kleinstadt und mit ihm die Orte der Kommunikation. Die Landstraße ist tot, die Bürgersteige sind zugeparkt, die Bundestraße eine Durchgangsschneise.

Wer auf dem Dorf leben will, muss mobil sein. Wer auf dem Dorf reden will, muss offensiv sein.

Die Wiederbelebung von Dorfläden ist eine sanfte Bewegung gegen Auswanderung von Kapital und Kommunikation werden.

So kann es gehen: Eine Initiative, unterstützt von der Kommune und einem Sozialverband, bietet das begrenzte Warensortiment verbunden mit zusätzlichen Dienstleistungen an. Neben dem Verkauf von Getränken, Milchprodukten und haltbaren Lebensmitteln wird eine Postfiliale betrieben. Rezepte werden gesammelt und bei der Apotheke in der nahen Kleinstadt abgegeben, Wäsche für die Reinigung angenommen, der Lotto-Schein eingelöst und die Lokalzeitung verkauft. Fahrgelegenheiten zu größeren Einkaufstouren machen auch die mobil, die kein Auto haben oder nicht mehr fahren können. Regelmäßig finden Beratungsstunden des Sozialverbandes statt. Kooperationen mit örtlichen Anbietern werden versucht: Brot vom Bäcker des Nachbarortes, Früchte vom nahen Obsthof. Der Fleischer stoppt auf dem Rückweg vom Markt. Dorfbewohner können „Aktien“ als Anteilsscheine erwerben.

Experten haben errechnet, dass sich ein solches Projekt trägt, wenn ca. 15% der Kaufkraft im Dorf bleibt.

Wer hätte das gedacht, Tante Emma?

 

Weitere Informationen: www.dorv.de und www.dorfladen-netzwerk.de