Demut

Wer hier liegt, wird gefüttert, gewaschen, getopft. Jegliche Verständigung mit diese Wesen ist unmöglich. Heilung? Ganz unmöglich.

In dem Moment sagte der Freund, hier wäre doch, auch im Interesse der Patienten, der Gedanke an einen gnädigen Tod nicht abzuweisen. Der Patient wäre erlöst. So auch die Gemeinschaft. Für diese zwanzig Patienten brauchen wir acht Pfleger. Aber vor dem Gedanken der Euthanasie hat das Christentum eine Barrikade aufgebaut, indem es das menschliche Leben per se als Leben versteht und nicht danach fragt, ob es ein Leben ist, das sich als solches wahrnehmen kann.

Dem widersprach der Schwarzbärtige. Erst sie, die ganz vom Normalen Abweichenden, bedeuten uns, wer und was wir sind. Sie sind die Geschlagenen. Sie lehren uns Demut. Unser Menschsein ist ein Geschenk, egal, ob aus Kreation oder Evolution hervorgegangen, und dieses Geschenk gilt es zu hüten. Sie sind die Engel des Schmerzes, die uns lehren, was Glück ist, und dem Glück des Gelungenen die Trauer beigeben, ihr tiefes, tiefes Unglück. Denn es kann kein wahres Glück geben, wenn es das Leiden anderer gibt. Sie stehen in ihrem Unglück für die gefährdete Würde, für die Einmaligkeit des Lebens. Sie tragen ohne Bewusstsein den gefährdeten Wunsch nach Gesundheit und Schönheit mit sich. Die Beladenen, Schwachen, Schmerzreichen.

Uwe Timm

Uwe Timm setzt sich in seinem Roman „Ikarien“ (Köln 2017) mit dem Eugeniker und Rassenhygieniker Alfred Ploetz auseinander und nimmt die Lesenden mit auf eine Zeitreise durch das politische und ideengeschichtliche Deutschland vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Ende 1945.