Fahrt ins Münsterland

Wie oft geht eigentlich die Welt unter? Und wann ist sie zum letzten Mal untergegangen? Wann wird sie wieder untergehen? Mein Kopf ist mit der Welt meiner Kindheit tapeziert. Jede Wegecke ist mir geläufig, jedes Buschwerk und alle Namen . 

Ich gehe über den Friedhof und mein Geschichtsbuch schlägt sich auf. Grabsteine springen mich an, Namen tauchen im Erinnerungsnebel auf. Das Erschrecken ist gepaart mit sonnendurchfluteter Melancholie. Die vertraute Welt kehrt zurück und aufscheinen Geschichten: Die tote Freundin – Sie liegt seit zwanzig Jahren in der Erde, lebt in mir noch immer mit all ihren Extravaganzen. Bemooste Grabsteine stehen aufrecht neben Dutzendkunst der Steinmetze. Bibelsprüche konkurrieren mit Kitsch, Kindergräber in Reih und Glied, immer mehr Urnenfelder. Die eigene Endlichkeit erhält Namen der Toten. Wo sind nur die Kriegsgräber der Ukrainer? Als Kind habe ich nicht gefragt. Heute treffe ich niemanden, den ich noch fragen könnte.

Im Dorf versteckt verlassene Häuser und Wohnungen: Es ist, als hätten sich die Besitzer im Feld neue gekauft und die alten verkommen lassen. Auf der Fabrik stehen sechs Antennen und konkurrieren mit dem Kirchturm.
Der hat in seiner stolzen Schlankheit etwas Tröstliches. Der Turm kann nicht verändert werden und reckt sich hoch in den Himmel.
Die in der Kindheit so langen und breiten Straßen sind jetzt kurz und schmal. Das einst prächtige Haus des Fabrikanten steht schmutzig neben einer Lagerhalle. Es riecht noch immer nach Kohl aus Nachbars Haus.

Ich wende mich aus dem Dorf, hinüber zu Pastors Busch. Dichte Maisfelder begleiten mich. Ein Acker ist frisch gepflügt und satt liegen die fettigen Schollen in der Sonne. Sie glitzern wie Silber und erinnern daran: Der Münsterländer hat Lehm in der Stimme und im Herzen.
Es gibt keine Trecker mehr, nur Landmaschinen, die mit doppelt mannshohen Reifen das tägliche Brot produzieren. Ich höre die Schweine kieken, aber auf der Wiese steht nur schwarzbuntes Vieh.
Die alten Bäume stehen noch. Sie erkennen mich wieder und scheinen unverändert: Eichen und Buchen an den asphaltierten Wegen – hoch hinaus und krumm gewachsen.
Nicht alles ist anders und nicht alles veränderbar. Die Bäume wissen nichts von Harvestern und die Invasion des Borkenkäfern bleibt hier aus.

Die Dörfer verlieren immer mehr ihre Struktur und wollen wie die Citys sein: Dem Dorfgastwirt folgt der Sohn als Eventunternehmer, der Fleischer ist ein Caterer, Kolonialwaren wurden Supermarktangebote. Der Erbe des Elektromeisters hat eine große Werkstatt gebaut und bietet smart an, der Vertreter von Kühlgeräten ist rekarniert in zwanzig Werkstattwagen mit Fridge-Technik.
Alle leben in Häusern, die ständig „Ich, ich, ich!“ rufen. Eines prächtiger als das andere: mit Türmchen, griechischen Säulen, eingedrahteten Steinwällen und ausgeführten Dackeln.
„Ha, ha, ha…“ höhnt es, wenn ich vor meinem Geburtshaus stehe und mir den Schnellimbiß wegdenken muss.

Das Münsterland war schon immer besenrein. Jetzt geht die Sauberkeit die Wände hoch und selbst der Klinker versucht, originell zu sein. Ein Dorf wie von OBI und es mäandert in Neubaugebiete. Die dröhnende Stille wird gefüllt von Katalogdesign.

Seit Jahrzehnten zerstören wir die Dörfer. Die Provinz hat das einstmals große Selbstbewusstsein verloren, den bürgerlichen Stolz erstickt und ahmt ohnmächtig die Städte nach. Der kleine Reichtum zerrüttet und hindert neue Qualitäten. Die Städten pressen die Menschen mit ihren hohen Mieten, langen Wegen, schlechter Luft. „Dorfluft“ hingegen könnte frei machen.

Ach, Münsterland…

Nachtrag: Ich stehe vor dem Fenster des Kurzwarenladens. Auf Bügeln hängen Polyesterkittel und BHs, Wolle stapelt sich im Regal, Stoffballen legen auf der langgestreckten Theke. Es ist wie damals.
Gleich öffnet sich die Tür und Frau Maria winkt: das monatliche Paket, in Zeitungspapier eingeschlagen, für meine Mutter.
Auch dieses Geheimnis gibt es nicht mehr.