Geld erzählt keine Geschichten

Auf Einladung der Katholischen Kirche Nordharz habe ich am 5. März 2017 die sogenannte Fastenpredigt in der Kirche Hl. Familie Vienenburg gehalten. Das Thema: “Über Geld spricht man nicht – vom Umgang mit Geld”. Die Predigt begann mit Hans im Glück und endete mit einem verschlossenen Umschlag.

Über Geld spricht man nicht?
Lassen Sie uns nachdenken über Geld. Lassen Sie sich anregen, in dieser Fastenzeit über Geld zu sprechen.

Hans.

Sie, wir alle kennen Hans.
Hans, der über Jahre schwer gearbeitet hat und nun mit einer hohen Abfindung
verabschiedet wird. Jetzt sucht er sein Glück. Er legt das Geld in Aktien an, verliert an der Börse und kauft windige Wertpapiere, wird von Banken übers Ohr gehauen, erwirbt ein Grundstück und so weiter und so fort….

Die eigentliche Geschichte von Hans geht natürlich anders. Sie kennen sie: Hans erhält von seinem Müllermeister für treue Dienste einen Klumpen Gold. Der beschwert ihn und er tauscht ihn gegen ein Pferd. Das Pferd wirft ihn ab und Hans tauscht gegen eine Kuh. Und dann die Kuh gegen ein Schwein und das Schwein gegen die Gans und die Gans zu guter Letzt gegen einen Schleifstein: mit dem will er dauerhaft sein Glück machen. Dieser Stein aber beschwert ihn wie vormals der Goldklumpen. Als der Stein in den Brunnen fällt, grämt er sich nicht, sondern freut sich: Der Stein hat ihn von seiner Last befreit.
Hans ruft: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Und er macht sich endlich auf den Weg zu seiner Mutter. Er ist „Hans im Glück“.

Hans scheint dumm und tölpelhaft zu sein. Er schätzt den wahren Wert des Goldes nicht. Er tauscht gegen etwas, was ihm im Moment nützlicher ist und freut sich über das gelungene Geschäft, das ein Verlust ist. Erst besitzt er das Pferd und kann reiten statt zu laufen. Später ist ihm die Gans lieber – wegen des Fettes – lieber, als es Kuh und Schwein waren.
Hans kennt anscheinend den materiellen Wert der Dinge nicht. Er hat keinen Maßstab für das, was ihm als Lohn oder Ware entgegentritt. Wäre er nach unseren Maßstäben klug, hätte er das Pferd mit einem Teil des Goldes bezahlt. Wäre er klug, hätte er vom Bauern zur Kuh noch etwas Gold gefordert.
Hans pfeift auf den scheinbar festgelegten Wert der Dinge, der ja eigentlich nur ein Waren-Wert ist, ein Tauschwert, der durch die Gesellschaft definiert wurde: eine Kuh ist nun mal so und so viel wert, eine Gans natürlich weniger…
Hans geht von der Nützlichkeit aus, ökonomisch gesprochen vom „Gebrauchswert“. Und dieser Gebrauch spielt sich in der Gegenwart, im „Hier-und-jetzt“ ab. Er denkt nicht an die Zukunft.
Hans sorgt sich nicht.
Hans tut das, was Jesus entspannt anbietet (Matthäus 6, 25-34): „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie.“

Hans hat keinen Begriff vom Gold. Er spürt aber, was ihm in der jeweiligen Situation gut täte. Er spürt Last und Lust. Er lebt in der Gegenwart und sorgt sich nicht um die Zukunft. Er braucht zum Leben nur das, was ihm gerade angeboten wird und er ergreift die Gelegenheiten. Mit jeder Entscheidung, mit jedem Blick auf das „Jetzt“ wird er offenbar glücklicher.
Er wird so glücklich, dass er am Ende mit leeren Händen an sein Ziel kommt: er ist im doppelten Sinne zuhause.

Geld ist immer auf Zukunft gerichtet, auf das Versprechen – nein: die Verlockungen – der so vielen Möglichkeiten, Geschäfte, Erlebnisse und Lüste, die sich uns vermeintlich oder tatsächlich bieten.
„Money make the world go round“ heißt es in dem Musical „Cabaret“, während die Welt ringsum untergeht.
Und ein altes römisches Sprichwort heißt „Pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht). Der Schmutz des Lebens, das Alltägliche, die Mühen und Plagen – all das, ist im Geld nicht mehr dargestellt. Es ist verschwunden hinter den Münzen und Scheinen.

„Am Gelde riecht man es nicht, womit es verdient ist.“
„Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts.“
„Geld regiert die Welt.“

Und so organisiert das Geld, der Zaster, die Mäuse und Moneten, der Cash unser Zusammenleben in allen Belangen. Nahezu keine Stunde in unserem Leben, in dem es nicht direkt oder indirekt ums Geld geht. Über Geld sichern wir unser Leben, mit Geld versichern wir uns unserer Freunde. Wir erwerben mit Geld die Zukunft oder nehmen mittels Geld am gesellschaftlichen Geschehen teil.

Geld ist die Eintrittskarte zu allem.
Geld definiert uns, unseren gesellschaftlichen Status. Geld ermöglicht Beziehungen, setzt Unbekanntes miteinander in Beziehung.

Über Geld wurde lange Zeit sogar die Verbindung zu Gott definiert: „Sobald das Geld im Kasten klingt, alsbald die Seel` im Himmel springt“. Tetzel, der Prediger der Lutherzeit, sammelte so Ablassgelder, um den Bau des bombastischen Petersdoms mitzufinanzieren. Im Jahr des Reformationsjubiläums sollten wir uns daran erinnern, wie zerstörerisch diese Perversion des Glaubens gewirkt hat. Nur durch die Gnade Gottes, so der große Reformator, und eben nicht durch „Bestechung“ mit Geld, gehen wir ein ins Himmelreich.

Einfache frühe Gesellschaften benötigten kein Geld. Die Menschen dieser einfachen Gesellschaftsformen mussten nichts erwerben für ihren Lebensunterhalt. Alles, was sie zum Leben brauchten, wurde selbst gejagt, angebaut oder gefertigt: die Nahrung, Rohstoffe für die Kleidung, die Materialien für einfache Unterkünfte.
Erst als die Ansprüche stiegen, begann der Tausch. Das, was ich nicht besaß, hatte vielleicht der Nachbar. Man trat handelnd miteinander in Beziehung. Der Wert des Getauschten wurde von den Tauschenden festgelegt. Dieser Tausch war persönlich und festigte personale Kommunikation. Man wusste um die Bedürfnisse des Nachbarn oder des Sippenmitglieds.
Aber die Welt wurde weiter und damit auch der Wunsch, fernere Waren zu erwerben. Der Naturaltausch engte dabei ein.
Was konnte man z.B. einem fremden Land anbieten aus der eigenen Produktion? Ein Gegenwert musste her, der quasi international Wert ausdrückte. Das war lange Gold und Silber oder fern von uns andere Zahlungsmitteln. Die Welt rückte zusammen und die Globalisierung des Handels begann. Ein Äquivalent, das von den Handelnden akzeptiert wurde, das allgemeingültig wurde.
Geld führte zu neuen Freiheiten bei Verlust der alten Beziehungen

Am Anfang stand der Tausch, der Basar. Zum Tausch gehört die Beziehung zweier Menschen, die etwas für wert und wichtig erachten. Menschen, die im Moment – wie Hans im Glück – entscheiden, was sie benötigen. Die nicht an Zinsen oder Wertdepots denken, nicht an Zukunftsinvestitionen.

Das Geld entpersönlicht uns. Das, was wir an Scheinen oder Münzen in der Hand halten, hat nichts mehr mit der Arbeit zu tun, die wir geleistet haben, um zu produzieren oder zu leisten. Geld erzählt nicht, wie etwas entstanden ist.
Geld erzählt keine Geschichten, sondern zählt nur den Wert. Getauschte Waren hingegen erzählen Geschichten.

Aber: Geld befreit. Es ermöglicht Beziehungen über kleine Gesellschaften hinweg, in andere Kontinente hinein. Wie könnten wir heute reisen, im Ausland produzieren, wenn es nicht Geld gäbe? Geld, das Menschen und Systeme miteinander in Beziehung setzt, Handel ermöglicht, entgrenzt. Der Verlust der persönlichen Beziehung wird ersetzt durch den Gewinn globalisierter Beziehungen.

Im Johannesevangelium (Johannes 12, 1-11) finden wir die Geschichte vom toten Lazarus und seiner zwei Schwestern Marta und Maria. Lazarus wurde von Jesus von den Toten auferweckt.
Unmittelbar vor dem Einzug in Jerusalem und der folgenden Kreuzigung kommt Jesus erneut nach Bethanien. Im Laufe eines Festmahls, an dem auch Lazarus teilnimmt, geht Maria, die Schwester des Lazarus, auf Jesus zu und salbt ihm mit großen Mengen eines sehr kostbarem Öls. Berichtet wird, dass sie Jesu´ Füße mit ihren Haaren trocknet.
Einer der Apostel kritisiert das und sagt: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ Jesus erwidert: „Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue. Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“

Jesus lässt sich nicht auf eine Handelswert-Diskussion ein, sondern weist auf den Akt der Zuwendung hin, auf die Hingabe durch Maria Magdalena. Sie ist in diesem Moment ganz bei ihm, ist in einer engen Beziehung und schert sich nicht um den Handelswert des Öls.
Sie salbt ihn nicht, weil das Öl so kostbar ist, sondern weil er, Jesus, ihr kostbar ist. Im Mittelpunkt der Szene steht also nicht das Vergleichbare, sondern ausschließlich ihr Tun – erfüllt von Wissen oder Ahnung, was auf Jesus als Passion in den kommenden Tagen zukommt.
Jede Begegnung ist einmalig und kostbar.

Jesus ähnelt hier dem „Hans im Glück“. Er weiß um die Wichtigkeit der Gegenwart, er kennt den wahren Wert der Geste und kümmert sich nicht um die dreihundert Denare. Er erhält eben keine Entlohnung, eben keinen Gutschein mit fixiertem Wert. Das Öl ist Ausdruck für die Kostbarkeit des Momentes, für die Hingabe und Wertschätzung der Maria Magdalena.
So bedankt sie sich auch dafür, dass Jesus den toten Lazarus jenseits aller Vernunft und allem Menschenmöglichen zurückgeholt hat. Das ist nicht bezahlbar.
Maria Magdalena hat ihn gesalbt, hat ihn umsorgt.
Nie hätte sie ihm Geld gegeben.

Wie aber konkret umgehen mit Geld, wie über Geld Nachdenken, reden?
So wie Jesus, der die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hat? Oder wie die Pragmatiker, die achselzuckend die Entwicklung der Welt hinnehmen, in der die Gelderfinder, die Banken und deren Manager, die neuen Trumps das Sagen haben?
Oder so wie die, die sich zu den alten, überlebten Tauschmodelle zurück sehnen?
Oder wie Hans im Glück, der entspannt in seinem neuen Leben ankommt?

Am Ende der Fastenpredigt erhielten alle Besucher einen verschlossenen Umschlag mit diesem Text:

In Ihrem Umschlag finden Sie vielleicht 5 €. Sie sollen damit ein gutes Werk tun. Was tun Sie? Und warum?
Einige Gedanken: Es fällt Ihnen schwer, von einem fremden Menschen Geld anzunehmen. Das Geld könnte eine Verpflichtung darstellen. Sie haben eine Verantwortung. Sie müssen etwas Nützliches tun. Kränkt es Sie, dass es nicht Ihr eigenes Geld ist?

Fragen Sie Ihren Nachbarn, was er verdient, wie hoch seine Rente ist.
Wenig ist bei uns so tabuisiert wie das eigene Einkommen. Selbst Freunde oder Freundinnen wissen nicht voneinander, über wieviel Geld sie verfügen. Über den Betrag definieren wir offenbar unseren Wert. Wer mehr Geld verdient ist mehr wert?

Sie engagieren sich an Ihrem Kirchort mit Zeit. Ihr Vereinskollege spendet Geld statt Zeit.
Fundraising (die Bitte um Spenden oder Sponsorengelder) wird immer bedeutsamer. Dennoch fühlen wir oft so, als sei das Spenden von Geld ein Freikauf und der wahre Wert liege im zeitlichen Engagement für eine gute Sache. Was denken Sie?

Fragen Sie den nächsten Bettler nach seinem Namen und schenken Sie ihm fünf Minuten Zeit.
Wem geben Sie Geld und wem nicht? Erziehen Sie durch Spenden (der kummervollen Alten ja, dem Drogensüchtigen nein?). Ist Geld eine Auszeichnung? Warum scheuen wir den persönlichen Kontakt und warum mutmaßen wir oft den Betrug?

Suchen Sie in der Fußgängerzone nach einem Menschen, der einem vorübergehenden Fremden 1 € schenkt.
Ein interessantes Experiment, das viel Mut erfordert. Sie werden feststellen: Es ist einfacher, einen Menschen zu finden, der bereit ist zu schenken als einen Menschen, der sich beschenken lässt. Ist das Misstrauen? Warum fällt uns Großzügigkeit leichter als Bedürftigkeit?

Verbrennen Sie vor den Augen Ihrer Familie einen Geldschein.
Ein Tabu-Bruch: Sie werden Empörung und Entsetzen ernten. Weißt das darauf zurück, das Geld ursprünglich nur Opfergeld war – also sakralen Charakter hatte? Oder ist es Hinweis auf unsere Habgier?

Die Christliche Soziallehre spricht immer wieder vom „Gerechten Lohn“. Was ist Gerechtigkeit?
Bestimmt sich die Gerechtigkeit nach Marktgesichtspunkten oder nach dem, was ein Mensch zum Leben braucht? Ist es gerecht, wenn ein Manager Millionen verdient und ein einfacher Angestellter Tausende?

Handeln Sie bei Ihrem nächsten Einkauf und verringern Sie so den Preis.
Für die einen ist Handeln unanständig, für andere ein Sport. Warum handeln Sie mit Ihrem Gebrauchtwagenhändler, nicht aber mit Ihrem Apotheker oder Arzt?

Beobachten Sie jemanden, der Almosen sammelt. Wer spendet?
Es sind häufig die Menschen, die sich in ähnlichen Lebenssituationen wähnen, die benachbart der Not sind. Ist das Zeichen der Solidarität oder der Mitleidensfähigkeit, der Dankbarkeit oder des schlechten Gewissens?

Geben Sie Geld in die sonntägliche Kollekte? Warum?
Ist die regelmäßige Kollekte ein Ärgernis oder Anlass, Dankbarkeit dafür auszudrücken, dass es einem persönlich gut geht? Verbinden Sie Ihre Geldspende mental mit dem Eucharistischen Opfer? Möchten Sie so in den Himmel kommen?

Wann haben Sie das letzte Mal Geld verschenkt? Und warum Geld?
Geschenke drücken Beziehungen aus. Wenn Sie Geld verschenken: Stellen Sie durch die Höhe des Betrages die Intensität der Beziehung fest?

In Ihrem Umschlag waren keine 5 €.
Sind Sie enttäuscht? Wenn ja: warum? Wenn nein: warum nicht? Ist Geld Ihnen egal?