Liebe Freunde und liebe Freundinnen,

ihr, deren Meinung ich schätze oder respektiere. Ihr, die ihr differenzieren könnt und statt schwarzweiß Buntes seht. Ihr, für die Fortschritt keine ökonomische sondern eine soziale Kategorie ist. Ihr, die ihr Schubladen meidet und Gedanken gegen den Strich bürstet. Ihr, Freunde und Freundinnen, die ihr Corona nicht glaubt, Statistiken alternativ lest, Utilitaristen oder Wirtschaftprioritäre seid, News und Fake-News zu unterscheiden wisst.

Ihr, liebe Freunde und Freundinnen, bitte ich: Macht euch nicht gemein mit den Rechten, den Hildmanns („Treue um Treue!“) und Naidoos („Wir sind immer noch ein besetztes Land.“). Geht nicht den Verschwörungstheoretikern auf den Leim. Meidet die Reichsbürger und die AfD, die Rechtspopulisten und die Rechtsradikalen. Demonstriert (egal ob 23.000 oder 100.000) nicht unter falschen Flaggen („Versammlung für die Freiheit“) und heroischen Titeln („Frieden und Selbstbestimmung“).

Sucht euch Verbündete, gegen die ihr euch nicht abgrenzen müsst, die ehrliche Absichten haben, die euch nicht als „nützliche Idioten“ ausbeuten wollen, die kein politisches Spiel spielen. Mit denen geht auf die Straße – meinetwegen auch zu 1,3 Millionen.

Ich bitte euch: Erinnert euch! Die Weimarer Republik war noch nicht zu Ende, da schmiedeten die Nationalsozialisten Bündnisse, bedienten argumentativ die Arbeiter, den Mittelstand, die Industrie. Sie etablierten einen linken Flügel – dessen Führer 1934 ermordet wurden. Die Nationalsozialisten versprachen dies, schworen jenes. Sie gewannen Intellektuelle und Wissenschaftler, kluge Köpfe und Influencer. Kirchenleute und Sozialisten. Man hatte gemeinsame Themen: die Arbeitsplätze, das Bauerntum, Versailles, die Finanzen und irgendwann die Autobahnen. Monat für Monat zogen sie Wohlmeinende auf ihre Seite und wurden so von Jahr zu Jahr stärker.

Anstand und Erinnerung ist das Gebot der Stunde.