Sexuelle Gewalt oder Machtmissbrauch?

Der Kampf gegen Missbrauch wird noch lange dauern, meint Hans Zollner und analysiert den zaghaft-fehlerhaften Ansatz der Katholischen Kirche bei der Bewältigung ihrer Krise.„Wir müssen die typischen Widerstände einer großen Institution gegen Veränderung und gegen Kritik an ihren Repräsentanten überwinden. Die katholische Einstellung lautet oft noch: Das lösen wir unter uns. Das können nur wir wirklich verstehen. Hinzu kommt die Unsicherheit beim Thema Sexualität und eine einseitige Vorstellung von Barmherzigkeit gegenüber Tätern. Dies sind die Wurzeln der systemischen Unfähigkeit unserer Kirche im Umgang mit sexueller Gewalt – aber auch die Gründe für das Versagen in anderen sensiblen Bereichen, etwa beim Umgang mit Geld. Alle Christen und besonders die kirchlichen Amtsträger sollten sich auf Jesus besinnen: Ihm ging es zuerst um den anderen Menschen, nicht um sich selbst und sein Wohlergehen. Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch wird noch lange dauern. Dabei müssen wir Abschied nehmen von der Illusion, dass bloße Regeln und Leitlinien genügen. Wir brauchen echte Umkehr: Gerechtigkeit für die Opfer und umfassende Prävention müssen gewollt sein. Sie dürfen nicht als lästig abgehakt werden, sobald die Öffentlichkeit wieder wegschaut. Alle Räume der Kirche müssen privilegierte Schutzräume sein. Warum ist es so schwer, diese Botschaft zu vermitteln? Weil es schmerzt, sich einzugestehen, wie viel Leid ausgerechnet Vertreter der Kirche den Jüngsten und Verwundbarsten angetan haben. Wie viel Widerstand herrschte, wie viel Feigheit, bloß um ein unbeschadetes Bild der Kirche zu erhalten.“

Hans Zollner, Vizerektor der Päpstlichen Universität in Rom, bringt es in der „Zeit“ auf den Punkt: Es geht um ein Systemversagen der Katholischen Kirche und nicht um einzelne Täter oder die Täter deckende Hierarchen. Es geht um die generellen Widerstände der Institution gegen Veränderung. Kirche will keine wirkende Kritik an ihren Repräsentanten. Sie will Fehlverhalten verstehen als Fehlverhalten einzelner. Dieser Missbrauch soll isoliert werden vom Großen Ganzen, von den Recht- und Machthabern. Das wirkende System darf nicht angegriffen werden.

Blog I endete im Dezember 2015 und beinhaltete 49 Artikel zu sozialen, kirchlichen und politischen Themen. Blog II beginnt im Februar 2016. Fundstücke, Zitate und Notizen werden den neuen Blog füllen.