Shitstorm

Gesellschaftliche Aktion, politisches Gruppenhandeln, das Agieren in und durch Massen, hat sich gewandelt. Prozessionen waren noch religiös motiviert, Kundgebungen affirmativ und die Demonstrationen der Siebziger Jahre oppositionell.

Zunächst unmerklich, dann immer deutlicher wandelten sich Massenveranstaltungen zu Gruppenmeetings. Die Fronleichnamsprozessionen führten nicht mehr durch Wald und Flur, die Jubelveranstaltungen der Wahlkämpfer schnurrten zu internen Meetings zusammen und aus den Demonstrationen wurden Mahnwachen. Einzig durch das Fußballvolk scheint sich weiterhin „Masse“ zu artikulieren.

Unmerklich hingegen entwickelt hat sich ein anderes Spektakel, der Shitstorm. Der Medienphilosoph Byung-Chul Han schreibt: „Der Shitstorm hat vielfältige Ursachen. Er ist möglich in einer Kultur der Respektlosigkeit und Indiskretion. Er ist vor allem ein genuines Phänomen digitaler Kommunikation. So unterscheidet er sich grundsätzlich von Leserbriefen, die an das analoge Schriftmedium gebunden sind und ausdrücklich namentlich erfolgen. Anonyme Leserbriefe laden schnell im Papierkorb von Zeitungsredaktionen. Und eine andere Zeitlichkeit zeichnet den Leserbrief aus. Während man ihn mühsam handschriftlich oder maschinell verfasst, ist die unmittelbare Erregung bereits verfolgen. Die digitale Kommunikation macht dagegen eine sofortige Affektabfuhr möglich.“

Byung-Chul Han („Im Schwarm.Ansichten des Digitalen“, Berlin 2013) konstatiert, dass Respekt vor Personen an den Namen gebunden sei. Die Namenlosigkeit des Netzes und Respekt schließen einander aus. Das Netz fördert die anonyme Kommunikation, der zunehmend Einfluss ermöglicht wird. „Der Name ist die Basis der Anerkennung, die immer namentlich erfolgt.“